
Anno 1938 – Wie die SS an Radfahrern verdiente
Im Dezember 1938 erschienen in mehreren Regionalausgaben des „Volksblatts“ Artikel, die über eine neue Verkehrsvorschrift informierten, der zufolge Fahrräder künftig mit sogenannten TOLO‑Tretstrahlern auszustatten seien.
Ab dem 1. Oktober 1938 mussten in Deutschland neu in Verkehr gebrachte Fahrräder mit gelben Pedalrückstrahlern ausgerüstet sein. Dabei handelte es sich um amtlich geprüfte Rückstrahler der Marke „TOLO“, die die Sichtbarkeit von Radfahrenden bei Dunkelheit verbessern sollten. Auch Besitzer älterer Fahrräder wurden nachdrücklich aufgefordert, ihre Räder freiwillig nachzurüsten; Rennräder waren von dieser Pflicht ausgenommen. Rechtsgrundlage war § 25 der Verordnung über das Verhalten im Straßenverkehr vom 13. November 1937 (RGBl. I S. 1189), der gelbe, amtlich geprüfte Rückstrahler an den Pedalen vorschrieb.
Begründet wurde die Maßnahme in der Berichterstattung mit der Verkehrssicherheit: Rund zwölf Millionen Arbeiter und Angestellte kämen täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit, hieß es, zudem erlitten jedes Jahr zehntausende Radfahrende Unfälle. Die Artikel priesen die neue Technik überschwänglich als „die denkbar beste Sicherung des Radlers“ und stellten sie als Ausdruck staatlicher Fürsorge dar.
Zwischen Technik und Propaganda
Auf den ersten Blick war die neue Vorschrift sachlich durchaus sinnvoll, da mangelnde Sichtbarkeit von Fahrradfahrenden ein reales Sicherheitsrisiko darstellte – damals wie heute. Die Idee, Rückstrahler in die Pedale zu integrieren, war für die Zeit technisch innovativ. Gleichzeitig trugen die Artikel deutlich propagandistische Züge: Sie überhöhten den Nutzen der neuen Vorschrift, idealisierten die Fürsorge des Staates und deuteten Verkehrssicherheit als Ausdruck nationaler Disziplin und Pflichterfüllung. So verschmolz sachliche Information mit ideologischer Indoktrination – ein typisches Muster der nationalsozialistischen Presse.
Beworben wurden die Tretstrahler zudem über Plakate der Reichsarbeitsgemeinschaft Schadensverhütung (siehe Downloadmöglichkeit).
Was verschwiegen wurde
Das Patent für die Pedalrückstrahler stammte von Anton Loibl, einem ehemaligen Chauffeur Adolf Hitlers und SS‑Hauptsturmführer. Loibl erhielt am 11. Juni 1937 ein Deutsches Reichspatent auf den Tretrückstrahler, nachdem Heinrich Himmler, mit Loibl persönlich bekannt, dessen bevorzugte Behandlung betrieben hatte. Loibl war Träger des Blutordens und des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP. Zur wirtschaftlichen Verwertung wurde 1936 die Anton Loibl GmbH gegründet, die mehrheitlich dem Persönlichen Stab Himmlers gehörte. Der Markenname „TOLO“ setzt sich aus den jeweils ersten beiden Buchstaben seines Rufnamens Toni und seines Nachnamens Loibl zusammen.
Die Firma produzierte Rückstrahler und weiteres Fahrradzubehör; Fahrradhersteller wurden über Lizenz- und Zwangsverträge in das System eingebunden. Alle Betriebe, die entsprechende Tretstrahler fertigten, mussten Lizenzgebühren an die Anton Loibl GmbH abführen, die das Patent erworben hatte. Die Gewinne flossen nicht nur an Loibl selbst, sondern vor allem an SS‑Organisationen: 1938 erhielt das „Ahnenerbe“ 77 740 RM, von 1939 an gingen jährlich rund 100 000 – 150 000 RM an den Lebensborn e. V. Der Reingewinn der Anton Loibl GmbH belief sich 1939 auf etwa 600 000 RM.
Ende 1939 wurde Anton Loibl wegen fachlicher Inkompetenz aus der Geschäftsführung entfernt, nachdem ein internes Gutachten Himmlers Vetternwirtschaft kritisiert hatte. Sein Patent blieb jedoch in Kraft; die Verpflichtung zu gelben Pedalrückstrahlern fand ihren Weg in die Straßenverkehrs‑Zulassungs‑Ordnung und gilt in § 67 Abs. 5 StVZO in der Sache bis heute fort.
Die Anton Loibl GmbH war nur eine von vielen wirtschaftlichen Unternehmungen der SS
Quellen
- Reichsgesetzblatt 1937, Teil I, S. 1189 ff.: „Verordnung über das Verhalten im Straßenverkehr“.
- Bundesministerium für Digitales und Verkehr: Straßenverkehrs‑Zulassungs‑Ordnung (StVZO), § 67 Abs. 5 (aktuelle Fassung).
- Longerich, Peter: Heinrich Himmler. Biographie, München 2010, S. 463 ff. (zum System der SS‑Unternehmen und der Anton Loibl GmbH).
- Höhne, Heinz: Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Gütersloh 1967, insb. S. 210 f.
- Georg, Enno: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS. In: Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Nr. 7, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1963, S. 19.
- „Anton Loibl GmbH“, in: Wikipedia (deutschsprachige Ausgabe).
- „Himmler’s Nazi Cycling Scam: How bike reflectors helped fund the Ahnenerbe“, History Answers, 2023










