Arbeiter-Radfahrer-Verein „Vorwärts“ Lünern © Lisa Meininghaus

Anno 1888 - Radfahrer-Verein Unna gegründet

 

Sehr früh nach dem Aufkommen der Sicherheits-Niederräder bildeten sich im Kreis Unna erste Radfahrer-Vereine. Mit der Abschaffung der Sozialistengesetze schlossen sich in Unna auch Arbeiter zu Radfahrer-Vereinen zusammen.

 

Im Jahr 1884 schlossen sich viele der bereits bestehenden regionalen Fahrradclubs in Leipzig zum Deutschen Radfahrer-Bund (DRB) zusammen. Bundesweite Konkurrenz bildete sich schon Anfang 1886 durch die Gründung der Allgemeinen Radfahrer-Union (ARU), die sich weniger um die Belange der Vereine kümmerte, sondern die Interessen von Einzelfahrern vertrat.

In Unna bildete sich schon kurz nach Eröffnung von Roetels Fahrradhandlung ein erster Verein. In einer Annonce bietet am 26. September 1888 der  Radfahrer-Verein „Unna“ einen Fahrabend an, zu dem die Fahrräder mitzubringen seien. Mehr ist von diesem Verein nicht überliefert. Im Bericht der Verwaltung der Stadt Unna aus dem Jahr 1900 wird neben dem Radfahrer-Verein „Unna“ auch ein Radfahrer-Verein „Königsborn“ erwähnt.

Die wasserarme Stadt Unna erhielt am 1.6.1888 erstmalig Wasser aus der Ruhr, das einen Hydranten am Wasserthor speiste. Von hier wurde das Wasser auf die angeschlossenen „Consumenten“ verteilt. Ein Klempner und Aichmeister dieser Zeit war Heinrich Russ, der Wasserleitungs-Anlagen anbot. Neben diesen pries er aber auch Gas-, Telefon- und Telegrafenanlagen an. Russ hatte sein Geschäft ab November 1889 im Hause von Otto Wülfing, Bahnhofstraße 19, in dem auch der Autor die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Russ war nicht nur Handwerker, sondern zugleich auch Kaufmann, der Badeeinrichtungen, Küchengeräte, Lampen, Waagen und Maße in seinem Sortiment hatte.

Ab dem Jahr 1893 empfahl er sich in Annoncen für Reparaturen von Fahrrädern. Dies ist im Zusammenhang mit der Gründung eines neuen Radfahrer-Vereins „Frei weg“ am 1.6.1893 zu sehen, dessen Vorsitzender Russ wurde. Der Schriftführer war Heinrich Thöne, ebenfalls Kaufmann in Unna. Das Vereinslokal war zunächst das Restaurant von Carl Louis Knieper an der Hertinger Straße 31. Hier fand jeden Dienstagabend eine Versammlung statt. Dieses Haus existiert nicht mehr. Heute befindet sich an dieser Stelle das Lokal „Spatz und Wal“. Im Jahrbuch der Radfahrer-Vereine dem Jahr 1897 ist dieser Verein als Mitglied im DRB geführt. Als Club-Hotel wird nun das Hotel „Deutscher Kaiser am Markt“ angegeben.

Am 23. September 1894 wollte der Verein „Frei weg“ sein erstes Stiftungsfest begehen. Dieses Ansinnen wurde jedoch fallengelassen, da am gleichen Tage der Gau 3 (Westfalen) des DRB ein Gaurennen und der Bezirk Hagen auf Hagener Chausseen ein Bezirksrennen veranstaltete. Im Anschluss an die Rennen veranstaltete der Hagener Verein sein  Sommerfest. Da hierzu die auswärtigen Vereine eingeladen wurden, befürchtete man in Unna die Konkurrenz und verschob das Stiftungsfest auf das nächste Frühjahr.

Radfahrer aus Werne hoben im Jahr 1896 den Radverein „Ueber Berg und Thal“ aus der Taufe. Die Vorsitzenden und Aktiven waren ebenfalls Kaufleute und Handwerker. Sie besaßen bereits ein Vereinsorgan, das sie „Rad-Welt“ nannten. Die Radfreunde trafen sich im Clublokal des Gastwirtes Louis Merten. Auch in Cappenberg gab es 1898 bereits den Radfahrerverein „Zum Stein“.

Mit Sicherheit sprach man an den Clubabenden der Vereine über den minderjährigen Heinrich Horstmann aus Hamm-Heessen, der in den Jahren 1895 bis 1897 von Dortmund aus mit einem Niederrad um die Erde fuhr. Am 17.01.1898 hielt der bekannte Weltumradler im Werner Gasthof zur Lippe einen Vortrag über seine Erlebnisse. Inspiriert wurde seine Reise nach eigenen Aussagen durch Frank G. Lenz, der bei seinem Versuch, mit dem Zweirad die Welt zu umrunden, im Jahr 1894 in Kurdistan ermordet worden war. Horstmanns Start- und Zielort Dortmund erklärt sich dadurch, dass er in den Regent-Fahrrad-Werken von Wilhelm Stutznäcker in Dortmund gearbeitet hatte und von diesen ein Rad für seine Weltreise gestellt bekam.

Geplaudert wurde bestimmt auch über die Velociped-Wettfahrten auf der von den Dortmunder Radfahrer-Vereinen „Vehmlinde“ und „Vorwärts“ neu erbauten Radrennbahn im Kaiser Wilhelm-Thal (heutiges Emschertal südlich des Dortmunder Westfalenparks).

Höchsten Gesprächsanlass bot insbesondere das Spektakel im August 1898 im Dortmunder Fredenbaumpark - einer „Fahrrad-Ballonfahrt“. Im Rahmen des 15. Bundestages des DRB stieg Käthchen Paulus, Luftschifferin aus Frankfurt, mit ihrem Ballon, der die Form „einer großen Leberwurst“ hatte, vor 10.000 Zuschauern auf. Sie saß auf einem eisernen Gestell mit einem durch Muskelkraft über Ketten angetriebenen Propeller. Lenkbar soll dieser Ballon wohl nicht gewesen sein. Sie fuhr mit ihrem Luftschiff bis Havixbeck bei Münster.

Im Jahr 1900 wurden mehrere Radfahrer-Vereine gegründet. Im Mai kommt es in Obermassen im Lokale des Wirts Eckert zu einer Vereinsgründung. In Niedermassen gründet sich im Juni der Radfahrer-Verein „All Heil“, der im September beim Vereinswirt A. Kligge sein Sommerfest feiert.

Der Radfahrer-Verein „Unna“ erfindet sich im Jahr 1900 als „Radfahrer-Verein Unna 1900“ neu. Annoncen ergeben Einblicke in die Vereinsaktivitäten. Im Februar 1901 treffen sich die Vereinsmitglieder zu einem Winterkränzchen. Am 28. Juli 1901 feiern sie das 1. Stiftungsfest, das mit einem Früh-Konzert im Vereinslokal des Herrn Wilhelm Schmitz auf der Massener Straße beginnt. Danach fuhren die stolzen Radler*innen auf ihren bunt geschmückten Rädern in einem Preiscorso durch die Stadt. Die Anlieger am Fahrweg waren aufgefordert worden, ihre Häuser zu beflaggen. Ziel war die Restauration Dreischer im Höingerthal. Dort gab es zur Unterhaltung wieder Musik und einen Wettbewerb im Langsamfahren. Nach der Rückfahrt zum Vereinslokal wurden Preise an den Besitzer des am schönsten geschmückten Fahrrades und für die Sieger im Langsamfahren und Reigenfahren verliehen. Der Festtag endete mit einem Tanzvergnügen.

Arbeiter-Radfahrer-Vereine

Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze im Jahr 1890 wurde es den Arbeitern gestattet, sich in sozialdemokratischen Vereinen zu organisieren. Es dauerte allerdings noch sechs Jahre, bis sich im Jahr 1896 in Offenbach der Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität gründete. In Unna wurden Arbeiter-Radfahrer-Vereine erstmals 1905 erwähnt, als in einer Annonce der Arbeiter-Radfahrer aus Unna und Umgegend zu einer Besprechung ins Lokal Ulmke von Otto Jung gebeten wurden.

Im Mai 1907 veranstaltete der Arbeiter-Radfahrer-Verein „Solidarität“  ein großes Fest. Beim Umzug durch die Straßen der Stadt schmückten sich einige Teilnehmer mit roten Schärpen und roten Halsbändern. Die Polizei verhängte daraufhin Geldbußen wegen groben Unfugs. Auf erhobenen Widersspruch hatte das bestätigte das Unnaer Schöffengericht die Strafe. Die Strafkammer des Dortmunder Landgerichts musste sich Anfang 1908 mit der Angelegenheit zu beschäftigen; das Urteil der Strafkammer lautete diesmal auf Freisprechung.

In einer Auflistung des Hellweg-Museums anlässlich einer Ausstellung zu Vereinen in Unna finden sich in den Jahren 1910-1912 weitere Arbeiter-Radfahrer-Vereine mit den schönen Namen „Vorwärts“ (Lünen), „Wanderlust“ (Billmerich), „Triumph“, „Immerblüh“ und „Morgenrot“.

 

Downloads

Annonce zum Ersten Stiftungsfest des Radfahrer-Vereins "Unna 1900"

Copyright: Hellweger Anzeiger und Bote vom 27.07.1901

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Annonce des Radfahrer-Vereins "Frei weg"

Copyright: Hellweger Anzeiger und Bote, 01.11.1893

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Postkarte Restaurant C. L. Knieper

Copyright: Hellweg-Museum Unna

1692x1123 px, (JPG, 287 KB)

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https://unna.adfc.de/artikel/geschichte-der-radfahrer-vereine

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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