In seinem Verkaufskatalog bot Walter Staby im Jahr 1898 auch ein Tridem an. © Archiv Wülfing

Anno 1896 - Roverkönig über alles

 

In Unna werden Fahrräder der Marke Roverkönig und Hesperus produziert.

 

Nach einer Statistik der Zeitschrift „Radmarkt“, Bielefeld, gab es in Deutschland in dieser Zeit 64 Betriebe die etwa 7000 Räder herstellten. Aus England wurden damals ca. 10.000 Räder eingeführt. Wirtschaftlicher Aufschwung, günstige Witterung und sinkende Preise in den Jahren von 1889 bis 1895 sorgten für eine starke Nachfrage nach Fahrrädern. Für das Jahr 1896 wurde eine große Nachfrage von 200.000 Rädern erwartet. Die herrschende Goldgräberstimmung auf dem Fahrradmarkt führte zu einem Gründungstaumel. In den Jahren 1896/1897 entstanden in Deutschland 40 neue Fahrradfabriken, eine davon in Unna.

Walter Staby produzierte ab 1896 in Unna Fahrräder der Marke Roverkönig.

Mit einem Paukenschlag erschien 1896 ein neuer Player auf dem Unnaer Fahrradmarkt. Am 12. Dezember 1896 annoncierte Heinrich Staby ganzseitig auf der ersten Seite (bis dahin einmalig) im Hellweger Anzeiger und Boten (Bild 1) für sein Angebot von Fahrrädern und Nähmaschinen in feinster Qualität und größter Auswahl. Halbseitige Anzeigen in gleicher Aufmachung folgten wenige Tage später. Heinrich Friedrich Wilhelm Staby (1832-1926), geboren in Strickherdicke, verkaufte 1888 den geerbten und zunächst verpachteten elterlichen Hof. Er war Fruchthändler, Auktionator und Gerichtstarator in Unna. 1891 wurde er als Vertreter der 1. Klasse (Dreiklassenwahlrecht) zum Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Unna gewählt.

Ein Früchte verkaufender Fahrradproduzent? Aus einer Annonce vom Februar des Folgejahres klärt sich der Einstieg in das für ihn neue Geschäftsfeld als Support für seinen Sohn Walter. In dieser bewirbt nun Walter, damals 26 Jahre alt, seine Fahrrad- und Nähmaschinenhandlung an der Kaiserstraße 5. Anders als Von Roetel und Schulze-Brockhausen vertreibt Staby nicht Räder fremder Hersteller, sondern produziert eigene Fahrradmarken, „Roverkönig“ und „Hesperus“ (Bild 2). Die Marke „Hesperus“ taucht nach dieser Anzeige nicht mehr auf. Die Marke „Roverkönig“ ließ sich Staby im Markenregister schützen.

Roverkönig über Alles

War der „Rover“ die geniale Weiterentwicklung des Zweirades, die eine massentaugliche  Mobilität ermöglichte - so soll der „Roverkönig“ die Krönung dieser Entwicklung sein,“ so mögen vielleicht die Gedanken von Staby bei der Namensgebung seiner Marke gewesen sein. Die Güte des Produktes kann aus heutiger Zeit kaum beurteilt werden, da es keine erhaltenen Exemplare gibt. Das einzige dem Autor bekannte Überbleibsel dieser Räder stellt bis dato ein Steuerkopfschild (Bild 3) dar. Im Vergleich zu anderen Steuerkopfschildern bekannter Marken dieser Zeit wirkt das mit den Worten „W. STABY ROVERKÖNIG UNNA i/W“ geprägte und vernickelte Kupferblech eher schlicht. Ein erhalten gebliebener Katalog aus dem Jahre 1898 ermöglicht dem heutigen Betrachter eine Vorstellung der damaligen Räder. Er beginnt mit einem handschriftlichen Gedicht frei nach Hoffmann von Fallersleben.

Von der Maas bis an die Memel,
von der Etsch bis an den Belt,
„Roverkönig“ über Alles,
über Alles in der Welt.

Ob das Gedicht und besonders die dritte Zeile, die Staby auch in Werbeanzeigen verwendet, von seiner eigenen nationalen Gesinnung zeugt oder als eine passende Ansprache einer national denkenden Käuferschicht gesehen werden kann, soll hier nicht spekuliert werden. Auf jeden Fall bezeugt es seinen Anspruch, etwas Großes über die Grenzen von Unna hinaus zu schaffen.

Staby bot Tourenmaschinen, Halbrenner, Straßenrenner und Bahnracer an. Sie unterschieden sich augenscheinlich hauptsächlich in der Ausstattung  mit Schutzblechen und Sätteln, sowie in Lenkerform und Gewicht. Insgesamt waren die Räder damals sehr leicht, da ihnen die heute üblichen Anbauteile wie Dynamo, Lampen, Kettenschutz und Schaltung fehlten. Stabys Bahnracer wog nur 10 Kilogramm! Auch Modelle für Damen, Jugendliche und Kinder, sowie Tandems und Dreisitzer wurden offeriert, die mit Werkzeugtasche, Ölkännchen, Luftpumpe und Reparaturkästchen ausgeliefert wurden.

Staby gab auf seine Modelle eine einjährige Garantie. Die Räder von damals werden sehr rostanfällig gewesen sein. Vernickeln war damals eine übliche Rostschutzmaßnahme. In Kamen bot die Firma Carl Fischer & Co. 1897 an, Fahrräder mit einer schützenden Nickelschicht zu überziehen. Eine weitere Firma, C. Bromberg aus Flierich, offerierte 1901, Fahrräder in einem eigens dazu erbauten Lackier-Ofen neu zu lackieren. Die Unnaer Vernickelungsanstalt von Thedor Weber, die an der Wasserstraße lag, pries 1902 neben Hellweg-Fahrrädern, auch Vernickelungen und Emaillierungen an.

 

Downloads

Ganzseitige Werbung auf der ersten Seite des HA und Bote

Copyright: Hellweger Anzeiger und Bote 1896

2842x4301 px, (JPG, 2 MB)

Werbung für Roverkönig und Hesperus

Copyright: Hellweger Anzeiger und Bote

2969x1571 px, (JPG, 636 KB)

Steuerkopfschild der Marke Roverkönig

Copyright: Archiv Wülfing

658x1553 px, (JPG, 521 KB)

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